365 Tage Kinderrechte im Lockdown – Bildung in der Pandemie

In Deutschland waren die Schulen seit dem 13. März 2020 im Schnitt an 27% der Schultage vollständig geschlossen, an 26% der Schultage fand Wechselunterricht statt und nur an 47% der Schultage regulärer Präsenzunterricht [1]. Der fehlende Präsenzunterricht erzeugt bei den Schüler:innen erhebliche psychische und soziale Probleme, wie die Sammlung von 11.-Klässlern aus Berlin [2] zeigt:

„4-5 Kaffees am Tag und abends nicht schlafen können durch Panik, Angst und Herzrasen. Angst haben sich zu „melden“, Angst haben drangenommen zu werden. Unglücklich werden. Keine Zeit mehr haben um über dich selber nachzudenken, glücklich zu sein. Wir müssen funktionieren wie Maschinen.“

Berliner Schüler auf https://padlet.com/carlottabubenik/wiegehtesmirmitCoronaPadlet mit Gedanken Berliner Schüler:innen zu Schule in der Pandemie

Neben dem Druck, der aktuell auf den Schülern lastet, sind auch langfristige Bildungslücken zu befürchten, die kaum zu kompensieren sind. Im November haben deutsche Lehrer berichtet, dass sie durchschnittlich einen Lernrückstand von ca. 2 Monaten bei ihren Schülern beobachten [3].

Grafik zu Lernverlust in Monaten nach Ländern

Frankreich hat sich auf Basis dieser Daten dazu entscheiden, die Schulen nicht wieder zu schließen. In Deutschland sind inzwischen drei weitere Monate hinzugekommen.

Die Bildungsverluste sind ökonomisch quantifizierbar in entgangenem Einkommen: Ein verlorenes Jahr Schulbildung führt nach einer Schätzung von Ludger Wößmann vom ifo Institut zu kumulierten Einkommensverlusten in Höhe von 7,5%-10% [4]. Selbst wenn die Bildungsrückstände nachholbar sind, so muss dafür Zeit aufgewendet werden, innerhalb derer die Schüler:innen keine anderen Erfahrungen machen können und sie auch nichts anderes lernen können. Klassenwiederholungen werden wahrscheinlicher, ebenso unfreiwillige Erwerbsunterbrechungen später im Leben [5].

Bedeutsam ist, dass die Bildungsverluste vermutlich nicht gleich auf alle wirken, sondern enorme Unterschiede zwischen starken und schwachen Schüler:innen zu erwarten sind: Während Schüler:innen, die vor der Pandemie leistungsstark waren, unter Umständen sogar noch ein bisschen stärker werden oder zumindest keine sehr gravierenden Verluste zu befürchten haben, werden leistungsschwache Schüler:innen durch Wechsel- und/oder Fernunterricht weiter abgehängt. In der ersten Welle zeigten sich schon deutliche Unterschiede zwischen den beiden Gruppen [6]:

Grafik zu Tätigkeiten von Schüler:innen vor und nach Schulschließungen (in Std. pro Tag)

Aus einer Lernstandserhebung der Niederlande [7] sind jedoch für die meisten Schüler:innen in Deutschland nachteilige Folgen zu erwarten: Obschon in den Niederlanden die Periode der Schulschließungen mit 8 Wochen sehr kurz war und sofort auf echten digitalen Unterricht in allen Stufen umgestellt wurde, zeigte sich nach dem Lockdown ein relativ gravierender Bildungsverlust: Die 8 Wochen konnten durch die digitale Lehre nicht kompensiert werden und führten zu einem entsprechend schlechteren Test-Score. Besonders erschreckend ist, dass insbesondere die Schüler:innen, die aus bildungsfernen Elternhäusern kommen, aber in den vergangenen Jahren gut abgeschnitten hatten, die größten Leistungseinbußen zu verzeichnen hatten.

Ein deutsche Studie zeigt, dass anders als in den Niederlanden, der Distanzunterricht auch aus Sicht der Lehrer:innen kein adäquater Ersatz ist. In der ersten Welle haben weniger als 10% der Lehrer:innen online unterrichtet, ein erheblicher Teil der Lehrer:innen hatte weniger als einmal pro Woche Kontakt zu den Schüler:innen.[8]

Grafik: Angebot im Distanzunterricht nach Angabe von Lehrkräften

Auch wenn sich der digitale Unterricht in Deutschland in der zweiten Welle dem niederländischen etwas mehr angenähert hat, so muss dennoch von signifikanten Bildungslücken bei den Schüler:innen ausgegangen werden.

Die Bildungsschere wird sich deshalb weiter öffnen, wenn die finanziellen Mittel, um Bildungsdefizite zu kompensieren, vor allem durch reiche Eltern für ihre Kinder bereitgestellt werden. Zudem rechnen Bildungsforscher:innen damit, dass die Zeit zur Kompensation der Defizite größer sein wird, als die verlorene Nettozeit durch Schulschließungen und Distanzlehre [9]. Schulschließungen sind daher für die einzelnen Schüler:innen, aber auch für die Gesellschaft ein sehr teures Mittel der Pandemiebekämpfung [10] und verschärfen Ungleichheiten weiter.


Quellen:
[1] Unicef: https://data.unicef.org/resources/one-year-of-covid-19-and-school-closures/
[2] https://padlet.com/carlottabubenik/wiegehtesmirmitCorona
[3] https://www.mckinsey.com/industries/public-and-social-sector/our-insights/teacher-survey-learning-loss-is-global-and-significant
[4] https://www.oecd.org/education/The-economic-impacts-of-coronavirus-covid-19-learning-losses.pdf
[5] https://voxeu.org/article/covid-19-widening-inequality-higher-education
[6] https://voxeu.org/article/covid-19-school-closures-hit-low-achieving-students-particularly-hard
[7] Engzell, P., Frey, A., & Verhagen, M. D. (2020, October 29). Learning Loss Due to School Closures During the COVID-19 Pandemic. https://doi.org/10.31235/osf.io/ve4z7
[8] König, J., Jäger-Biela, D. J., & Glutsch, N. (2020). Adapting to online teaching during COVID-19 school closure: teacher education and teacher competence effects among early career teachers in Germany. European Journal of Teacher Education, 43(4), 608-622.
[9] Eyles, A., Gibbons, S., & Montebruno Bondi, P. (2020). Covid-19 school shutdowns: What will they do to our children’s education?.
[10] https://voxeu.org/article/long-term-effects-school-closures


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