Bildung und Teilhabe von Kindern und Jugendliche wird zu „Kollateralschaden“ beim Versuch einer Erhöhung der Impfquote bei Erwachsenen!

Nach der letzten Bund-Länder-Runde hat Baden-Württemberg eine Verschärfung der Testpflichten ab Montag angekündigt: Künftig soll inzidenzunabhängig der Zutritt zu bestimmten Freizeitbereichen nur noch für Geimpfte, Genesene und Getestete gelten, teils ist sogar ein aktueller PCR-Test nötig, welcher mit hohen Kosten und einem großen Zeitaufwand einhergeht. Was als Ziel hat, die Impfquote bei Erwachsenen zu erhöhen, trifft insbesondere auch Kinder und Jugendliche: „Für jeden Schwimmbadbesuch, jedes Eis in der Eisdiele, den Friseurbesuch, fürs Kino oder ein Theaterbesuch brauchen künftig auch schon die Jüngsten einen aktuellen Test“, beschreibt Zarah Abendschön-Sawall von der Initiative Familien die Situation. „Hier wird auf dem Rücken der Kinder Politik gemacht: das ist absolut inakzeptabel. Welch verheerendes Signal geben wir über Monate den Kindern mit: Ihr dürft nur Teilhaben am sozialen Leben, wenn jemand anderes euch bestätigt, dass ihr nicht andere gefährdet, während geimpfte Erwachsene uneingeschränkt teilhaben können?”

Zwar sieht der Bund-Länder-Beschluss vor, dass an ihren Schulen regelmäßig getestete Schüler:innen von der regelmäßigen Testpflicht ab 6 Jahren ausgenommen sind[1], allerdings sind viele Details noch unklar, wie auch das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration BW auf Twitter kommuniziert[2], und die Sorge der Familien vor erneutem Lockdown für die Kinder  entsprechend groß. Auch wenn das Ministerium sich beeilt klarzustellen, dass die Tests für Minderjährige kostenfrei bleiben werden, wird Teilhabe gerade für Kinder und Jugendliche, die monatelang in der Pandemie mit am stärksten eingeschränkt wurden, nochmal deutlich erschwert. Durch reduzierte Testmöglichkeiten, erst recht im ländlichen Raum, wird wohl eine Freizeitgestaltung mit Schwimmbad, Naturkundemuseum oder Pizzeria kaum noch möglich. „Auch dass nicht jedes 6Jährige ein Schulkind ist, sondern viele noch in die Kita gehen, hat die Politik wohl übersehen, es braucht eine zumutbare Lösung, die soziale und kulturelle Teilhabe ermöglicht“, so Abendschön-Sawall weiter. „Wir fordern für diese vorhersehbare Problematik die Gleichstellung von Kindern und Jugendlichen mit vollständig Geimpften, wie es zB Dänemark[3] seit dem Frühjahr macht.“ Auch die entsprechende Forderung der Kinder- und Jugendärzte verhallt bereits seit Mai ungehört.[4]

Daneben sieht der aktuelle Beschluss auch eine systematische Benachteiligung der ganzen Gruppe von Kindern und Jugendlichen vor: Während Erwachsene immerhin theoretisch die Wahl haben, sich testen oder impfen zu lassen oder bestimmte Angebote nicht zu nutzen, werden die Tests an Schulen durch die Hintertür zementiert. „Wir befürworten anlassbezogene Tests an Schulen, um diese auch bei Infektionsgeschehen in Bildungseinrichtungen verlässlich geöffnet zu lassen“, so Abendschön-Sawall. „Was wir nicht gutheißen, ist, dass Schüler:innen die einzige Gruppe sind, die sich regelmäßig testen müssen, obwohl sie selbst durch Corona kaum gefährdet sind, selbst bei niedrigem Infektionsgeschehen und geringer Krankheitslast in der Bevölkerung.“

Schulen bleiben seit Beginn der Pandemie trotz zunehmender Impfung bei Lehrkräften, Eltern und Großeltern die am stärksten regulierten Bereiche. Die aktuelle Debatte entlarvt gnadenlos, welch geringen Stellenwert Bildung in Deutschland hat. Während Erwerbsarbeit prinzipiell als „systemrelevant“ erachtet wird und damit ohne Tests und Impfung möglich ist, landet Schule auf der gleichen Stufe wie Restaurantbesuche, Theater oder Fitnessstudios. Dazu passend ist auch im zweiten Jahr der Pandemie keine Bildungsgarantie von der Landesregierung ausgesprochen. Im Gegenteil: Die aktuelle Corona Verordnung Schule sieht immer noch ab einer lokalen Inzidenz von 100 bzw. 165 eine (Teil-)Schulschließung vor, während gleichzeitig Diskotheken unter Vollauslastung laufen dürfen. Zarah Abendschön-Sawall: „Wir müssen jetzt den Kindern die dringend benötigte Normalität zurückgeben, statt neue Hürden aufzubauen.“

Fotonachweis: Pixabay

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[1] https://www.swr.de/swraktuell/baden-wuerttemberg/3-g-regel-in-baden-wuerttemberg-schon-ab-kommende-woche-100.html

[2] https://twitter.com/msi_bw/status/1425398926757224451?s=10

[3] https://www.stm.dk/media/10258/rammeaftale-om-plan-for-genaabning-af-danmark.pdf

[4] https://dgpi.de/stellungnahme-von-dgpi-dgkj-geimpft-genesen-getestet-25-05-2021/