Initiative Familie fordert: Echte Priorität für Kinder statt warmer Worte


85 Prozent der Kinder und Jugendlichen fühlen sich in der Pandemie belastet – so das Ergebnis einer Studie des Universitätsklinikums Hamburg.(1) Auch in einem „Padlet“, dass die Initiative Familien angesichts ihrer Aktionswoche „365 Tage Kinderrechte im Lockdown“ nach dem Vorbild Berliner Schüler:innen startete, sind Sorgen und Verzweiflung herauszulesen:

„Wir Kinder halten diesen durchgehenden Lerndruck nicht mehr aus, wir wachen morgens mit Panikattacken auf, weil es zu viel Stoff gibt und wir Kinder einfach nicht mehr können.” (Matilda, 12 J.)

„Meine Tochter wird bald 5 (…) Im 2. Lockdown fing sie an extreme Schlafprobleme zu entwickeln und sich die Haare auszureißen. Mein Sohn (3) hat aufgehört zu sprechen.” (Anonym)

Ein Jahr Ausnahmezustand – für Kinder & Jugendliche eine Ewigkeit
Im ersten „Lockdown“ wurden ad hoc Schulen, Kitas und Spielplätze geschlossen und es wurden strenge Kontaktbeschränkungen eingeführt. Heute, ein ganzes Jahr später, sitzen wieder viele Kinder und Jugendliche ohne Perspektive zu Hause. Aus den im Dezember angekündigten drei Tagen Kita- und Schulschließung, für die Angela Merkel “irgendeine Lösung”(2) finden wollte, sind mittlerweile drei Monate geworden. Und “irgendeine Lösung” ist nicht in Sicht. „Seit einem Jahr leben Kinder und Jugendliche im Ausnahmezustand“, so Stephanie Schläfer, Vorstandsmitglied von Initiative Familien. „Sie haben nicht nur viele Monate keinen verlässlichen Kita- und Schulalltag, sondern auch enorme Einschränkungen ihres sozialen Lebens.“ Während noch im Dezember die politischen Beteuerungen groß waren, Kinder dürften nicht zu den Verlierern der Pandemie werden und man werde alles tun,um Kitas und Schulen offen zu halten, werden sie auch jetzt wieder mit am stärksten eingeschränkt.(3)

„Erwachsene vergessen oft, die Situation aus Kinderaugen zu betrachten: Ein vierjähriges Kind erinnert sich kaum noch an die Zeit vor Corona, als es noch mehrere Freunde zu sich einladen durfte und regelmäßig mit den Eltern durch die Stadt bummelte. Ein Teenager von 13 oder 14 Jahren darf sich seit Monaten nicht mit seiner Clique treffen, kann seine Hobbys nicht ausüben und sitzt im schlimmsten Fall seit der Schulschließung wieder einen Großteil des Tages allein zu Hause“, schildert Stephanie Schläfer. „Zeit ist relativ“, sagt auch eine Diplom-Psychologin, die im Rahmen der Aktionswoche ihren Alltag an Kitas und Schulen schildert: „Als Kind schien mir der Advent unendlich lang; ein ewiges Warten auf Weihnachten. Je älter ich werde, desto schneller verfliegt der Dezember. Drei Monate Kitaschließung bedeuten für den Einjährigen etwas anderes als für mich.“(4)

Teilhabe und Bildung wird zur Glückssache
Die Schließung der Bildungseinrichtungen ist nicht nur deshalb so gravierend, weil dort Entwicklung gefördert, Wissen vermittelt und eine gewisse Chancengerechtigkeit hergestellt wird, sondern weil sie essentieller Lebensraum für Kinder und Jugendliche und ein fester Bestandteil ihres Alltags sind. Dies ist umso wichtiger in Zeiten des Lockdowns, während Kontakte außerhalb stark beschränkt und Freizeitmöglichkeiten beschnitten sind.
Während in Potsdam ab dieser Woche nach drei Monaten zuhause auch Achtklässler:innen wieder zeitweise in die Klassenzimmer gehen, sitzen diese in Wiesbaden auf unbestimmte Zeit zu Hause. Kita-Kinder in Baden-Württemberg sind vollständig zurück in ihren Einrichtungen, während sie in Nürnberg und Hannover bangend auf die Entwicklung der Infektionszahlen blicken. Die regionalen Unterschiede zwischen Distanz-/ Präsenz und Wechselunterricht sind vielfältig. 53 Prozent der Eltern machen sich entsprechend auch große Sorgen um die Bildung ihrer Kinder, so der aktuelle DIW FamilienMonitor_Corona. Bei den Eltern ohne Abitur sind es sogar 60 Prozent.(5)

„Bildung und Teilhabe wird für Kinder in Deutschland schon wieder zur absoluten Glückssache“, so Stephanie Schläfer. „Seit einem Jahr hängt der Kita- und Schulbesuch wahlweise allgemein vom Wohnort oder dem Infektionsgeschehen in der Region ab.“ Während Unternehmen weiter produzieren und ihre Dienstleistungen erbringen – teils unter weit weniger strengen Hygienemaßnahmen – scheinen die Entscheider:innen auf bildungspolitischer Ebene seit einem Jahr kreativ- und nahezu hilflos nach zukunftsweisenden Konzepten zu suchen, während das Augenmerk der ganzen Gesellschaft sich auf diesen Bereich zu richten scheint. „Dabei haben wir ein großes Bündel an bekannten Infektionsschutzmaßnahmen, die weitgehend verhindern, dass Infektionen von außen in die Bildungseinrichtungen eingetragen werden“, so Stephanie Schläfer und verweist auf die S3 Leitlinie Schule sowie Schnelltestkonzepte für Bildungseinrichtungen. „Diese Maßnahmen gezielt einzusetzen in Abhängigkeit vom Infektionsgeschehen in der Region und damit Bildung für alle Kinder verlässlich und sicher zu ermöglichen, ist Aufgabe der Politik. Pauschale Schließungen sind nur die kurzfristig einfachste Lösung.“

Während in Deutschland in den letzten 12 Monaten an 53 Prozent der Schultage kein regulärer Unterricht stattfand (davon 27 Prozent Schließung und 26 Prozent Wechselunterricht), haben andere Länder deutlich andere Prioritäten gesetzt: Die Schweiz und Frankreich hatten mit 29 bzw. 30 Tagen rund ein Drittel weniger die Schulen geschlossen als Deutschland (42 Tage).(6) „Obwohl Kinder und Jugendliche sehr selten schwer erkranken, wird die Schließung von Bildungseinrichtungen in Deutschland im Gegensatz zu anderen Ländern immer noch als probates Mittel gesehen, um die Mobilität in der Gesellschaft allgemein zu reduzieren. Wir fordern die Politik auf, dass sich Maßnahmen und die öffentliche Debatte endlich auf alle relevanten gesellschaftlichen Bereiche konzentrieren. Die Erwachsenen müssen einen Großteil der Last der Pandemiebekämpfung tragen, möglicherweise auch durch strengere Maßnahmen bei sich, anstatt sie auf den Schultern der Kinder abzuladen“, bekräftigt Stephanie Schläfer von Initiative Familie.


Quellen:

(1) https://www.uke.de/dateien/kliniken/kinder-und-jugendpsychiatrie-psychotherapie-und-psychosomatik/forschungssektion- child-public-health/dokumente/copsy/pm20210210_ergebnisse_2._befragung_copsy-studie.pdf
(2), (3) https://www.bundesregierung.de/breg-de/service/bulletin/rede-von-bundeskanzlerin-dr-angela-merkel-1826624

(4) https://www.initiativefamilien.de/unsere-themen/kinder-und-familien-in-der-corona-pandemie/see-me/ (5) https://www.diw.de/de/diw_01.c.812773.de/nachrichten/familienmonitor_corona__4___eltern_ohne_abitur_sorgen_sich_ staerker_um_bildung_und_zukunft_der_kinder.html
(6) UNICEF Report School closures: https://data.unicef.org/resources/one-year-of-covid-19-and-school-closures/


Weitere Stimmen von Kindern, Jugendlichen und Familien sammeln wir im Rahmen der Aktionstage „365 Tage Kinderrechte im Lockdown – jetzt echte Priorität für Kinder“ der Initiative Familien hier: https://padlet.com/initiativefamilien/ec7t58dteiy8uo89


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