Die größte Herausforderung ist es wohl, Kinderrechte auf Teilhabe und Bildung zu vereinbaren mit Infektionsschutz und den Maßnahmen der Pandemiebekämpfung. Klar ist aber auch nach einem Jahr Pandemie: Die Lösung darf nicht sein, Kinder sozial zu isolieren und Bildungseinrichtungen zu schließen. Wir müssen vielmehr darüber sprechen, WIE wir Bildung und Teilhabe ermöglichen können und nicht OB.

Kinder und Jugendliche sind dabei besonders schützenswert. Die negativen Folgen geschlossener Bildungseinrichtungen und von „social distancing“ sind hoch für sie. Maßnahmen sollten daher als erstes bei Erwachsenen ansetzen, bevor Kinder und Jugendliche unverhältnismäßig eingeschränkt werden. Es braucht eine echte Priorität für Bildung.

Wir fordern deshalb:

  1. Durchdachte und konsistente Konzepte für Bildungseinrichtungen. Gute Bildung kann nur gelingen, wenn alle Aspekte berücksichtigt werden. Insbesondere mit Blick auf den Kinderschutz und die Kinderrechte sowie fortlaufende Maßnahmen für Kinder mit Förderbedarf. Viele Fachgesellschaften warnen explizit vor den Schäden durch dauerhaft geschlossene Bildungseinrichtungen.
  2. Eine qualitativ hochwertige Digitalstrategie für Schulen. Ohne die grundlegenden Dinge, wie eine gute Versorgung mit WLAN, digitalen Endgeräten, stabilen Schulservern und ein zielgruppenfreundliches Lernportal mit qualitativ hochwertigem Angebot, sind Kinder und Jugendliche teilweise ganz von guter Bildung abgeschnitten. Dazu gehören für uns auch verpflichtende Qualifizierungen für Lehrkräfte, die Qualitätsmarker für digitalen Unterricht brauchen.
  3. Eine flächendeckende Schnellteststrategie für Bildungseinrichtungen! Der regelmäßige und breit angelegte Einsatz von Antigen-Schnelltests kann dazu beitragen, Cluster frühzeitig zu erkennen und schnell Maßnahmen zu ergreifen. Wir fordern, dass Antigen-Schnelltests ausreichend verfügbar sind und gezielt eingesetzt werden. Für Kinder kann hier der Einsatz von Spuck- und Gurgeltests von Vorteil sein.
  4. Eine Differenzierung nach Alter und Förderbedarf. Ein Grundschulkind hat andere Bedürfnisse und einen anderen Entwicklungsstand als eine/ein Jugendliche/r. Kinder mit Behinderung oder Förderbedarf brauchen noch einmal eine andere Form an Unterstützung. Familien mit wenig Ressourcen brauchen mehr Hilfe. Bei all den Maßnahmen muss hier dringend differenziert werden.
  5. Kindgerechter Infektionsschutz, der Gesundheitsschutz auf der einen Seite und (frühkindliche) Bildung auf der anderen Seite gewährleistet. Wichtige Instrumente hierfür sind:
    • Versetzter Unterrichtsbeginn und Pausenzeiten und andere organisatorische Maßnahmen zur Kohortierung
    • Einbau von Luftfiltern in Räumen, in denen ein Lüften nicht möglich ist
    • Sofern die Lehrkraft den Mindestabstand von 1,5 m nicht einhalten kann: Pflicht zur Mund-Nasen-Bedeckung für die Lehrkraft
    • Kostenfreies zur Verfügung Stellen von FFP2-Masken für Lehrkräfte
    • Zusätzliches Reinigungspersonal
    • Bessere Sanitäranlagen inklusive Seifen
    • Einsatz von mehr Schulbussen (z.B. unter Verwendung von Reisebussen)
    • „Safe classes“ für Risikokinder und Kinder von Eltern oder mit Geschwistern aus der Risikogruppe (zusätzlich zur Möglichkeit des HomeSchoolings für diese Personengruppen nach ärztlichen Attest)
  6. Bildung neu denken! Ein Jahr Pandemie und es fehlt noch immer an alternativen Lösungsansätzen. Hier brauchen wir dringend eine Einbindung von LehramtsstudentInnen, ReferendarInnen oder angrenzenden Professionen. Wir brauchen alternative Raumkonzepte, kleine, feste Gruppen und den Mut, bürokratische Hürden zu überwinden.
  7. Maßnahmen, die zuerst bei Erwachsenen ansetzen, bevor Kinder, Jugendliche und der Bildungsbereich eingeschränkt werden. Hier müssen wir gezielt in Bereichen wie Freizeit, Homeoffice für ArbeitnehmerInnen oder Schutzmaßnahmen für Pflegeheime ansetzen, bevor wir Kinder in ihren Bildungschancen beschränken. Denn Bildungsgerechtigkeit kann nur gelingen, wenn wir alle Kinder im Blick behalten.
  8. Mit uns und nicht über uns: Runde Tische mit Lehrer*innen, Erzieher*innen, Schulleiter*innen, Eltern, Elternvertretungen, Expert*innen für Kindergesundheit und Digitalisierungsexperten*innen.
  9. Miteinander, nicht gegeneinander. Teilhabe von Kindern darf nicht zum Argumentationskampf zwischen Eltern und Erzieher*innen/ Lehrer*innen führen. Es braucht realistische Vorgaben von der Politik und eine Kommunikation mit Vorlauf für alle Beteiligten.
  10. Qualitäts- und Fachkräfteoffensiven, die ihren Namen auch verdienen. Aktuell werden Fachkräfte verheizt, da es nicht genügend qualifiziertes Personal gibt. Diese Krise hat eindeutig gezeigt, dass es strukturelle Probleme gibt.

Aktuelles zu Kindern & Familien in der Corona Pandemie

  • Iniative Familien Baden-Württemberg kritisiert inzidenzunabhängige Maskenpflicht nach den Ferien
    Keine strengeren Maßnahmen für Kinder und Jugendliche, Bekenntnis zu offenen Bildungseinrichtungen Für Schüler:innen in Baden-Württemberg besteht in den ersten beiden Wochen des neuen Schuljahrs inzidenzunabhängig eine Maskenpflicht im Unterricht – dies hat Ministerpräsident Winfried Kretschmann Ende Juni angekündigt. Mit dieser Maßnahme sollen Infektionen an Schulen durch Reiserückkehrer verhindert werden. Initiative […]
  • Die Zeit ist jetzt! Hessen schränkt die Maskenpflicht für Schüler*innen ein
    Für die Zeit bis zu den Sommerferien hat Hessen es den anderen Ländern gleich getan und die Maskenpflicht für Schulen grundlegend überarbeitet. Ab dem 25.06. gilt Maskenpflicht innerhalb der Schulgebäude nur noch bis zum Platz und entfällt auf dem Schulhof. IF Hessen begrüßt diese Erleichterung für Schüler*innen. Zielgerichtet kann Maskenpflicht […]
  • Kinder und Jugendliche in der Corona-Pandemie: Stellungnahme der Leopoldina
    Nach einem Jahr hat es auch die Leopoldina geschafft, die Situation von Kindern und Jugendlichen in den Blick zu nehmen. Das begrüßen wir – auch wenn wir uns so eine Stellungnahme deutlich früher gewünscht hätten.  Was fordern die Wissenschaftler:innen? Schulen sollen mit geeigneten Schutzmaßnahmen offen bleiben – und zwar im […]